Werte übertragen

Publiziert am 24.10.2017

Ein Artikel von Brigitte Heuberger im Werte Magazin 2017


Geschätzt sind es Vermögen im Wert von 300 Milliarden Euro, die jedes Jahr in Deutschland vererbt oder verschenkt werden.
Längst nicht immer wird der Vermögensübergang auf die nächste Generation langfristig geplant und strukturiert vorbereitet. Dabei wäre das so wichtig, um den Erhalt der Werte dauerhaft zu sichern. Was ist dazu erforderlich? Ein Testament? Frühzeitig schenken?
Ein Testament ist dann wichtig, wenn die gesetzliche Erbfolge nicht mit den eigenen Wünschen übereinstimmt oder die Erben mit streitanfälligen Erbengemeinschaften unnötig belastet. Vorweggenommene Schenkungen können die Steuerbelastung reduzieren, müssen aber sicherstellen, dass der Schenker ausreichend versorgt bleibt.
Dieser Artikel möchte Ihnen einen kurzen und vereinfachten Überblick über rechtliche und steuerliche Rahmenbedingungen der Vermögensübertragung geben.
Gesetzliche Erbfolge
Die gesetzliche Erbfolge ist grundsätzlich abhängig vom Verwandtschaftsverhältnis. Das Gesetz unterscheidet dabei zwischen Erben 1., 2., 3. und weiterer Ordnung.
o Erben 1. Ordnung sind Kinder und Kindeskinder
o Erben 2. Ordnung sind die Eltern und deren Kinder und Kindeskinder (also Geschwister, Nichten und Neffen des Erblassers)
o Erben 3. Ordnung sind die Großeltern und deren Abkömmlinge (also Onkel, Tante, Cousin, Cousine).
Ein Verwandter kann nur Erbe werden, wenn kein Verwandter einer vorhergehenden Ordnung vorhanden ist. Eltern oder Geschwister können also beispielsweise nicht gesetzliche Erben werden, wenn der Erblasser Kinder oder Enkelkinder hat.
Das Erbrecht des Ehegatten ist gesondert geregelt. Neben Kindern (Verwandten 1. Ordnung) erbt der Ehegatte ¼ des Vermögens. Die Kinder teilen sich die übrigen ¾. Das gilt auch, wenn nur ein Kind vorhanden ist.
Besteht zum Zeitpunkt des Todes der gesetzliche Güterstand (Zugewinngemeinschaft), so erhöht sich der Erbteil des Ehegatten um ein Viertel.
In einer Ehe mit gesetzlichem Güterstand erbt der Ehegatte somit die Hälfte, die andere Hälfte bekommen die Kinder. Bei zwei Kindern erhält jedes Kind ein Viertel.
Neben Verwandten der 2. Ordnung erbt der Ehegatte die Hälfte des Vermögens.
Beispiel: Der Ehemann verstirbt, er hat keine Kinder, weder seine Eltern noch seine Geschwister leben noch, lediglich eine Tochter seines Bruders, die er noch nie gesehen hat, lebt in Australien. Die Ehefrau hat zwei Kinder und mehrere Enkelkinder, zu denen der Ehemann ein sehr gutes Verhältnis hatte und die er auch als seine Familie betrachtet. Die Ehegatten hatten Gütertrennung vereinbart.
Ohne testamentarische Regelung erbt hier die Ehefrau nur die Hälfte des Vermögens. Die andere Hälfte geht an die Nichte in Australien.

Testament
Das obige Beispiel zeigt, dass die gesetzliche Erbfolge häufig nicht mit den Vorstellungen des Erblassers übereinstimmt. Der Ehemann in unserem Beispiel möchte, dass seine Frau Alleinerbin ist. Das erfordert ein Testament. Die gesetzliche Erbfolge kann durch Testament geändert werden.
Ein Testament muss bestimmte Formvorschriften erfüllen. Es muss entweder eigenhändig verfasst und unterschrieben oder notariell beurkundet sein.
Für ein eigenhändiges Testament muss der gesamte Text mit der Hand geschrieben sein, ein Ausdruck vom Computer reicht nicht. Unterschreiben Sie das Testament mit Vornamen und Nachnamen. Umfasst das Testament mehrere Seiten, sollten Sie auf jeder Seite rechts unten signieren. Das Testament muss außerdem das Datum der Unterschrift tragen. Das ist wichtig, falls mehrere Testamente auftauchen, um festzustellen, welches das jüngste und damit das gültige ist.
Ein öffentliches oder notarielles Testament müssen Sie bei einem Notar errichten. Für das notarielle Testament werden Gebühren erhoben, die sich nach dem Wert des Vermögens richten. Ein notarielles Testament ersetzt häufig einen Erbschein.
In Ihrem Testament können Sie bestimmen, wer Erbe werden soll, wer bestimmte Vermögensgegenstände erhalten soll, Ersatzerben benennen oder einen Testamentsvollstrecker einsetzen.
In Deutschland herrscht Testierfreiheit, das heißt, jeder ist grundsätzlich frei in der Entscheidung, wem er sein Vermögen hinterlassen möchte. Eine Beschränkung dieser Freiheit stellt das Pflichtteilsrecht dar: Ein bestimmter Kreis von Personen (im Wesentlichen der Ehegatte und die Kinder) kann bei der Vermögensnachfolge nicht gänzlich übergangen werden. Allerdings kann ihr Erbanteil durch Testament oder Erbvertrag auf bis zur Hälfte des gesetzlichen Erbanspruchs verringert werden.
Testamente sind nicht zwingend kompliziert. Erfahrene Berater sagen, ein Testament zu verfassen, sei eigentlich ganz einfach. Wer sich an vier Regeln hält, kann Streit und Ärger beim Erbe meist vermeiden:
Regel Nr. 1: Es sollte immer ein aktuelles Testament geben, das entweder bei einem Notar, Anwalt, Steuerberater oder dem Gericht hinterlegt ist.
Regel Nr. 2: Versuchen Sie, gerecht zu sein und niemanden zu benachteiligen.
Regel Nr. 3: Reden Sie mit allen Beteiligten; es ist immer am besten, wenn beim Todesfall schon alle wissen, was sie erwartet.
Regel Nr. 4: Treffen Sie klare und einfache Regelungen; je einfacher ein Testament ist, umso weniger ist es anfechtbar.
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Erbschaftssteuer
Das deutsche Erbschafts- und Schenkungssteuerrecht begünstigt Übertragungen innerhalb der Familie. Dazu sieht das Gesetz eine Einteilung in Steuerklassen vor und eine Staffelung von Freibeträgen und Steuersätzen.
Steuerklassen und Freibeträge
Steuerklasse Personenkreis Freibetrag €

Ehegatten, eingetragene Lebenspartner 500.000
Kinder und Stiefkinder 400.000
I Kinder und Stiefkinder verstorbener Kinder
Kinder lebender Kinder und Stiefkinder 200.000
Weitere Abkömmlinge der Kinder und Stiefkinder 100.000
Eltern und Voreltern bei Erwerb von Todes wegen
Eltern und Voreltern, soweit nicht in Steuerkl. I
II Geschwister, Abkömmlinge ersten Grades von 20.000
Geschwistern, Stiefeltern, Schwiegerkinder,
geschiedene Ehegatten
III Übrige Erwerber 20.000

Zur Berechnung der Erbschafts- oder Schenkungssteuer ist der Wert des übertragenen Vermögens nach den steuerlichen Bewertungsvorschriften zu ermitteln. Mehrere Erwerbe von derselben Person innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren werden zusammengerechnet. In Abhängigkeit von der Steuerklasse und der Höhe des Erwerbs wird dann der anzuwendende Steuersatz ermittelt.
Steuersätze
steuerpflichtiger Erwerb % in der Steuerklasse
bis Euro I II III
75.000 7 15 30
300.000 11 20 30
600.000 15 25 30
6.000.000 19 30 30
13.000.000 23 35 50
26.000.000 27 40 50
über 26.000.000 30 43 50

Neben den Freibeträgen gibt es noch eine ganze Reihe von Steuerbefreiungen, insbesondere für Betriebsvermögen.
Schon bei Übertragung einer Immobilie in einer Gegend wie München sind jedoch schnell die Freibeträge überschritten und es werden Steuern fällig. Hier kann mit vorausschauender Planung und kluger Beratung viel erreicht werden. Dazu ein Beispiel:
Vater V verstirbt und hinterlässt seinem Sohn ein Reihenhaus in München (Wert 1,1 Mio).
Der Sohn hat einen Freibetrag in Höhe von Euro 400.000, muss also nach Abzug des Freibetrags Euro 700.000 versteuern. Bei Steuerklasse I ist darauf ein Steuersatz von 19% anzuwenden. Die Erbschaftssteuer beträgt Euro 133.000.
Hätte der Vater schon früher angefangen, Teile seines Vermögens an den Sohn zu übertragen, wäre eine mehrfache Nutzung des Freibetrags und eine deutliche Reduzierung der Steuerlast möglich gewesen.
Gerade bei Immobilien, aber auch bei Wertpapieren und Unternehmensbeteiligungen können auch frühzeitige Schenkungen mit Nießbrauchsvorbehalt empfehlenswert sein. Der Nießbrauch sichert nicht nur dem Schenker weiter die Einnahmen aus dem Objekt, sondern mindert auch den steuerlichen Wert der Schenkungen.
Selbstverständlich sollen aber steuerliche Überlegungen nicht die vorrangigen Beweggründe zur Regelung des Vermögensübergangs sein.


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